Projekt: Jakobikirche, Thal

 

Jakobikirche

 

 

 

 

 

 

 

Adresse
PLZ: 83555
Thal (Österreich)

Objekt
Jakobikirche, Thal (Österreich)

Architekt
Dr. Manfred Fuchsbichler (Architekt des Bischöflichen Bauamtes) und Ernst Fuchs

Eingesetzte Produkte
Sigma Siloxan Lasurbasis
Sigma Siloxan Fassadenfarbe
Sigma Amarol triol (Holz- und Metalluntergründe)

Kunterbunt
Eine avantgardistische Dorfkirche im Meinungsstreit - Kunstwerk oder „Jukebox Gottes”?

Man ist ja vorgewarnt, doch die Realität überbietet mal wieder alle bisher gesehenen Abbildungen. Unter der milchigen Wintersonne der Steiermark und durch das scherenschnittschwarze Gewirr kahler Obstbäume knallt urplötzlich eine unerwartete Farbigkeit ins Auge. Die Verblüffung ist noch größer als klar wird, dass das bunte Objekt ein Kirchlein ist: die Pfarrkirche St. Jakob in Thal, nahe der österreichischen Stadt Graz.

Die Dorfkirche trägt die Handschrift des Wiener Enfant terribles Ernst Fuchs, der für sein Teppichmuster-Mützchen bekannt ist und die fest im Jugendstil verwurzelte ‚Wiener Schule des Phantastischen Realismus’ wesentlich beeinflusste.

Der optische Knalleffekt am Ende des gewundenen Sträßchens verleitet gerne zum vorschnellen Urteil: Kitsch? Jukebox-Look? Oder vielleicht doch veritable Kunst?

Warum also wurde aus der steinernen Friedhofskapelle von 1739 ein derartiges Spektakulum?

Die alte Jakobikirche der Pfarrei Thal (urkundlich erstmals 1322 erwähnt) war schon lange viel zu klein. Zwei Jahrzehnte lang gab es deshalb Initiativen für einen Neubau. 1987 gab Diözesanbischof Johann Weber anlässlich einer Visite grünes Licht für die Erweiterung - und Dr. Manfred Fuchsbichler, der Architekt des Bischöflichen Bauamtes, begann zu planen. Er knüpfte Kontakte zu Ernst Fuchs, dessen von Visionen, Träumen und Phantasien geprägte Werke (die irgendwo zwischen Hieronymus Bosch, Manierismus, Symbolismus, Jugendstil und Surrealismus liegen) in altmeisterlicher Art mythologische und biblische Themen behandeln.

Fuchs und Fuchsbichler schlugen ein trapezförmiges Bauwerk vor, das rechtwinklig an das schmale Schiffchen der Kapelle ansetzt und in geschnabelte Spitzgiebel auslief. Drei unterschiedlich große Satteldachkonstruktionen überspannen fächerartig den Anbau und geben dem gesamten Komplex den Charakter eines spitzen Kristalls. Den Eingangsbereich dominiert ein Vordach mit einem rhombisch bestimmten Balkentragwerk, rot gestrichen und mit kupfern patinierten Kanten. Durch schwere Glastüren betritt man das Innere, Tageslicht dringt durch dreieckige, unterschiedlich große Dachgauben und über vertikale, mit Kristallglaselementen verspiegelte Lisenen herein. Zusammen mit dem Altarrückwandfenster und dem Fenster zum Innenhof ergeben sich so erstaunliche Lichteffekte.

Während die Außenwände des alten Baukörpers verputzt, türkisfarben gestrichen und mit Kiesapplikationen geschmückt wurden, besteht die Neubaufassade aus Hartbrandziegeln und patinierten Kupferblechen. Der Turm wurde intensiv ochsenblutfarben gestrichen und gelb abgesetzt - im gleichen Sonnenblumengelb, das auch das benachbarte Pfarrhaus schmückt.

Von Planungsbeginn an informierten Architekt und Künstler die Pfarrbevölkerung immer wieder über die Details des avantgardistischen Entwurfs - und konnten eine hohe Akzeptanz erreichen. Freiwillige Helfer aus Thal leisteten rund 4000 Arbeitsstunden: Ältere Gemeindemitglieder etwa bemalten den innen offenen Dachstuhl, die Steine für den Fußboden wurden von den Frauen sortiert.

Betrachtet man in Ruhe und Beschaulichkeit das Bauwerk, dann stößt man überall auf Zitate und Symbole. Die dicken Glastüren öffnet man mit Griffen aus Widderhorn, dem bevorzugten Opfertier des biblischen Volkes Israel. Das Weihwasserbecken ist eine Jakobsmuschel, Symbol des Apostels Jakobus und Abzeichen der Pilger, die einst die beschwerlichen Wege nach Jerusalem, Santiago de Compostela oder Rom gingen. Überall stößt man auf goldene Akanthusblätter: Sie stammen von einer distelartigen Wüstenpflanze, Sinnbild der Unsterblichkeit, das schon an Säulenkapitellen der Antike zu finden war. Der in allen Regenbogenfarben gestrichene, innen offene Dachstuhl soll wohl an das Wüstenzelt erinnern, das die Israeliten während ihres Auszuges aus dem alten Ägypten errichteten. Und die Farbigkeit der Balken an den Regenbogen, dem Symbol des Bundes, den Noah mit Gott schloss.

Das Auge schweift, das Auge trinkt von dem farbigen Überfluss des Interieurs. Und die Kunstkritik meint, man habe sich keineswegs von der Gesinnung kirchlichen Bauens entfernt. Im Gegenteil: Vielleicht sei die Jakobikirche in Thal bei Graz die erste steirische Kirche einer neuen Epoche.

 
     


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